Schüler schreiben

In Russland steht es aktuell nicht gut um die Meinungs- und Pressefreiheit, so sagen es zumindest einige Menschen, die schon in Russland gelebt haben. So auch ein Mann, der in Russland geboren ist, und seit 10 Jahren in Bietigheim lebt.

Reporter 1: Was wollen Sie über sich erzählen?
Yury: Meinen Nachnamen kann kaum jemand aussprechen, deshalb nennen mich alle einfach Yury. Ich bin Softwareingenieur, Musiker und Autotourist, Ehemann und Vater. Ich wurde 1977 in Moskau, der Hauptstadt der Sowjetunion, geboren – in der Familie eines Kommunikationstechnikers und einer Hausfrau.

Reporter 1: Was können Sie vom Leben in der UdSSR erzählen?
Yury: Schon im Kindergarten glaubten wir, dass wir im besten Land der Welt lebten – dem größten, friedlichsten, reichsten und fortschrittlichsten. Das sagten uns täglich das Fernsehen, Radio, Zeitungen und die Schule. Wenn man in Moskau lebte, der reichsten Stadt des Landes, konnte man das fast glauben. Aber als ich mit meinen Eltern andere Städte bereiste, kamen mir schon als Kind erste Zweifel. Mit der Perestroika und dem Machtverlust der KPdSU kam eine gewisse Informationsfreiheit, und die Menschen erfuhren allmählich, was wirklich im Land und in der Welt geschah. Der Eiserne Vorhang fiel. Das Land bekam Zugang zu westlicher Technologie und Kultur. Ich war von Kindheit an sowohl an Technik als auch an Musik interessiert – es war eine überwältigende Flut neuer Eindrücke. Umgekehrt exportierte Russland vor allem Rohstoffe: Öl, Gas, Holz und Mineralien. Die eigene Technik war oft veraltet oder von westlichen Vorbildern kopiert. Ich hoffte sehr, dass sich die Welt ab jetzt nur noch weiterentwickeln würde – ohne weitere Kriege.

Reporter 2: Warum sind Sie aus Russland ausgewandert?
Yury: Meiner Meinung nach war das Leben nach dem Zerfall der Sowjetunion für viele Menschen in Russland kaum zu ertragen. Der Zusammenbruch einer „großen Macht“ offenbarte über Nacht, dass diese Größe nur Propaganda war. Doch anstatt die Realität anzunehmen und das Land weiterzuentwickeln, erschufen viele einen neuen Mythos von Russlands Größe, verstärkt durch Fernsehen und Politik. Viele Menschen, die unter Armut und Rechtlosigkeit leiden, glauben gleichzeitig, sie seien geistig höherstehend als wohlhabende Europäer oder Amerikaner. Der wachsende Hass auf den Westen – genährt durch Propaganda – führte zur Unterstützung rechtswidriger Aktionen wie der Besetzung georgischer Regionen 2008, dem Krieg gegen die Ukraine seit 2014 und der Ermordung von Oppositionellen. Wer das offen kritisierte, bekam schnell Drohungen und aggressive Reaktionen zu spüren.

Reporter 2: Wie und wann sind Sie aus Russland gegangen?
Yury: Ich habe alle Oppositionsproteste besucht, weil ich an eine moderne, friedliche und freie Zukunft Russlands glaubte. Aber nach 2014 wurde es gefährlich. Viele Kriegsgegner verließen das Land oder wurden verhaftet – oft nur, weil sie den Krieg einen Krieg nannten. Immer öfter hörte ich den Satz: „Wenn es dir nicht gefällt – hau doch ab!“ Also sind wir gegangen. Wir wollten nicht, dass unsere Steuern einen Krieg finanzieren.
Wir wollten, dass unsere Kinder in Freiheit leben. Es war ein schwerer Schritt – gerade hatte ich meinen Traumjob in Sankt Petersburg gefunden. Im Herbst 2014 fand ich eine Stelle als Softwareentwickler bei Valeo in Bietigheim. Nach den Bewerbungsgesprächen begann ich Anfang 2015 dort zu arbeiten. Mein größter beruflicher Erfolg in diesen 10 Jahren war die Entwicklung eines Frameworks für ADAS-Funktionen, das kommerzielle Lösungen in vielen neuen Testfahrzeugen ersetzt hat – darunter Motorräder, PKWs und LKWs.

Reporter 2: Bereuen Sie die Auswanderung?
Yury: Nein. Natürlich war es schwer, Familie und Freunde zurückzulassen – besonders zu wissen, dass unsere Kinder ihre Großeltern kaum sehen werden.
Aber in einem Land zu leben, wo man für die Wahrheit ins Gefängnis kommt, war schlimmer. Ich weiß, wie hinterhältig das Regime Putins ist – es gab Fälle, in denen Rückkehrer verhaftet wurden. Deshalb habe ich auch kein Bedürfnis, Russland zu besuchen. Die Zukunft meiner Kinder ist wichtiger als meine Nostalgie.

Reporter 1: Wie gefällt es Ihnen in Deutschland?
Yury: Gut. Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit, Ordnung. Ein würdiger Job erlaubt uns, auch gut Urlaub zu machen. Mit der Familie haben wir ganz Europa bereist. Ich hatte wieder Zeit für Hobbys: Ich spielte in einer Band, baute Röhrenverstärker und eine E-Gitarre, programmierte eigene Audio-VST-Plugins.
Ich versuche, mich ständig weiterzubilden und über neue Technologien auf dem Laufenden zu bleiben.

Reporter 1: Was möchten Sie in Zukunft tun?
Yury: Ich möchte alle Länder der Welt bereisen. Ich hoffe sehr, dass Europa und die USA stark genug sind, um autoritäre Regime zu besiegen und die Welt frei zu machen.
Dann könnten sichere Reisen möglich werden – vielleicht sogar wieder nach Russland.

Sascha und Kai

Foto: Kai