Alfred-Amann-Gymnasium Bönnigheim Lehrer: Matthias Köhnlein
Klasse 9d
Autoren: Maksim Weiß, Emil Wald, Niwar Hamzo, Maximilian Yeshchenko, Marlin Joos
Zusatzinformation: Eltern von Niwar haben der Veröffentlichung des Interviews zugestimmt.
Infobox / Hintergrund: Wer sind die Jesiden?
Gemeinschaft: Eine eigenständige religiöse Minderheit mit einer jahrtausendealten, monotheistischen Religion. Ihre kulturellen Wurzeln reichen weit über 3.000 Jahre bis ins alte Mesopotamien zurück, womit sie zu den ältesten noch bestehenden Glaubensgemeinschaften der Welt gehört.
Zeitpunkt des Genozids: August 2014.
Täter: Die Terrororganisation Islamischer Staat (IS).
Opfer: Die jesidische Religionsgemeinschaft im Nordirak.
Ursache: Der IS betrachtete die Jesiden als Ungläubige und verfolgte das Ziel, ihre gesamte Gemeinschaft systematisch zu vernichten.
Die verheerenden Folgen:
Mehr als 5.000 Jesiden wurden während des Terrors ermordet oder starben auf der Flucht.
Etwa 7.000 Frauen und Kinder wurden vom IS verschleppt und versklavt.
Rund 400.000 Menschen wurden aus ihrer Heimat vertrieben.
Bis zu 250.000 Jesiden haben in Deutschland eine neue Heimat gefunden.
„Wir sind nur geflüchtet, um unser Leben zu retten“
Niwar (16) war noch ein Kind, als seine Familie die Heimat im Irak verlassen musste, weil ihr Leben als Jesiden dort akut bedroht war. Heute lebt er in Bönnigheim. Mitschüler aus der Klasse 9d haben ihn zu seiner Fluchtgeschichte befragt. Ein Gespräch über Angst, den Verlust der Heimat und das große Glück, in Sicherheit aufzuwachsen.
9d: Niwar, kannst du dich kurz vorstellen und uns erzählen, woher du und deine Familie ursprünglich kommt?
Niwar: Mein Name ist Niwar. Ich bin 16 Jahre alt und lebe seit einigen Jahren in Deutschland. Ursprünglich stammen wir aus dem Irak, genauer gesagt aus einer Gemeinde namens Khanke im Kreis Dohuk. Im Moment wohnen wir in Bönnigheim im Kreis Ludwigsburg.
9d: Wie kam es damals zu eurer Flucht aus dem Irak?
Niwar: Durch den Krieg verschlechterte sich die Lage, besonders die Sicherheit, im Irak schon einige Zeit. Hinzu kam die Angst, dass sich immer mehr Leute, die keine Jesiden waren, dem IS anschließen und den Genozid an den Jesiden unterstützen würden. Es fiel uns absolut nicht leicht, unsere Heimat zu verlassen. Aber als der IS direkt in unserer Nähe war und unseren Ort mit Bomben angriff, mussten wir fliehen. Wir hatten uns zum Glück schon im Voraus unser Visum besorgt und all unser Essen ins Auto gepackt, um direkt loszukönnen.
9d: Wie lief die Flucht ab und wie lange wart ihr unterwegs?
Niwar: Die Flucht dauerte insgesamt ungefähr zwei Monate. Unser Weg führte uns zuerst über die Türkei und Bulgarien nach Serbien. Von dort aus wurden wir durch die Europäische Union offiziell Deutschland zugeteilt. Die restliche Strecke legten wir mit dem Zug über Ungarn, Kroatien und Österreich zurück.
9d: Wart ihr allein unterwegs?
Niwar: Nein, wir waren mit einigen anderen Menschen unterwegs, sodass wir eine größere Gruppe bildeten, um uns gegenseitig zu helfen. Auf den schwierigen Abschnitten hatten wir zudem ortskundige Führer dabei, die uns vor allem beim Überqueren der Grenzen den richtigen Weg durch die Wälder und Berge zeigen konnten.
9d: Gab es auf diesem Weg Momente, in denen es besonders gefährlich oder schwierig wurde?
Niwar: Ja, im Gebirge und in den Wäldern konnte man sich unheimlich leicht verlaufen. Einmal sind wir für zwei bis drei Tage komplett stecken geblieben und wussten überhaupt nicht mehr, wo wir hinmussten. Am Ende mussten wir ein großes Stück wieder zurücklaufen und einen völlig anderen Weg suchen. Dazu kam der extreme Mangel an allem. Außerdem gab es eine ziemliche Knappheit. Wir mussten auf quasi alles verzichten. Die einzige Priorität war Essen und Trinken und sogar das war oft sehr knapp.
9d: Wie war der Moment, als ihr endlich in Deutschland angekommen seid?
Niwar: Der allererste Eindruck war einfach pure Freude, es endlich geschafft zu haben und in Sicherheit zu sein. Auf der anderen Seite hatten wir natürlich unheimlich viele Fragen, wie es nun für uns weitergehen soll. Anfangs war die Sprache eine riesige Barriere. Wir wollten sie so schnell wie möglich lernen, um uns verständigen zu können. Glücklicherweise wurden wir dabei sehr gut unterstützt. Allgemein haben wir hier von Anfang an viele sehr nette Menschen kennengelernt.
9d: Wenn du auf diese Anfangszeit zurückblickst: Wie geht es euch heute?
Niwar: Unserer Familie geht es inzwischen wirklich gut. Wenn man das mit dem schweren Anfang vergleicht, ist das ein riesiger Unterschied. Wenn wir heute zurückblicken, merken wir erst, dass wir jetzt genau das Leben führen können, das wir uns früher immer erhofft und gewünscht haben.
9d: Was hat euch am meisten dabei geholfen, euch in Deutschland einzuleben?
Niwar: Vieles hat uns geholfen, besonders das Gefühl der Sicherheit und die Unterstützung von fremden Leuten. Die Leute haben uns damals ohne zu zögern zum Arzt begleitet oder uns zu wichtigen Terminen gefahren, obwohl wir noch kein einziges Wort Deutsch sprechen konnten.
9d: Vermisst ihr eure alte Heimat trotzdem manchmal?
Niwar: Ja, wir vermissen unsere Heimat sogar sehr. Wir vermissen die Schule von damals, die Freunde und natürlich unsere Verwandten, die im Irak zurückbleiben mussten.
9d: Was wünschst du dir für die Zukunft?
Niwar: Für die Zukunft hoffe ich einfach auf ein weiteres gesundes, friedliches und fröhliches Leben für meine Familie.
9d: Gibt es etwas, das du Menschen sagen möchtest, die noch nie persönlich mit Geflüchteten gesprochen haben?
Niwar: Viele Menschen nehmen fälschlicherweise an, dass wir nur nach Deutschland gekommen sind, um hier mehr Geld zu verdienen. Aber das stimmt nicht. Wir sind einzig und allein geflüchtet, um unser Leben zu retten.
9d: Was sollten Jugendliche in Deutschland deiner Meinung nach über das Thema Flucht wissen?
Niwar: Ich höre oft, wie Gleichaltrige darüber reden, wie schlecht in Deutschland angeblich alles sei. In meinen Augen gibt es aber deutlich Schlimmeres. Ich finde, die Menschen in Deutschland führen ein viel besseres und vor allem sichereres Leben als in vielen anderen Teilen der Welt. Das sollte man schätzen.
9d: Wenn du eure ganze Geschichte in einem einzigen Satz zusammenfassen müsstest, welcher wäre das?
Niwar: Wenn ich ehrlich bin, gibt es keinen einzigen Satz auf der Welt, der all das, was wir erlebt haben, passend zusammenfassen könnte.

